Vom Elend der »Latschdemos«
Von Dieter Rucht
Wer die Zeitung aufschlägt oder die Nachrichten verfolgt, wird mit Protesten aller Art konfrontiert. Beschäftigte wehren sich gegen Massenentlassungen, Klinikärzte verlangen höhere Gehälter, Nazis beschmieren jüdische Gedenkstätten, französische Studenten gehen gegen eine Änderung des Arbeitsgesetzes auf die Barrikaden, Arbeitslose wenden sich gegen Hartz IV, die sogenannten »Globalisierungsgegner« begleiten G8-Gipfel und WTO-Tagungen rund um den Globus . . . (vgl. die Beiträge über die Studentenproteste in Frankreich, gegen Hartz IV und das Weltwirtschaftsforum, S. 202ff., 211ff. und 221ff.).
Allein in Berlin registrieren die Behörden jährlich weit über 2000 »Versammlungen und Aufzüge«, von denen die meisten landläufig als Demonstrationen bezeichnet werden. Offenkundig sind die Menschen nicht nur mit vielem in Gesellschaft und Politik unzufrieden, sondern sie sind auch bereit, ihre Unzufriedenheit kollektiv und öffentlich auszudrücken. Ganz im Sinne des lateinischen Wortes protestari legen sie für ihre Haltung Zeugnis ab. Fast immer geht es dabei um mehr als die bloße Bekundung von Stimmungen und Meinungen. Die Protestierenden setzen sich gegen Zumutungen zur Wehr, versuchen, in ihren Augen ungerechtfertigte Belastungen und Nachteile abzuwenden oder auch Privilegien zu verteidigen. Viele blicken über den Tellerrand ihrer eigenen Lage hinaus, setzen sich für Benachteiligte ein, die keine oder nur eine schwache Stimme haben. Andere wollen nicht nur das Los bestimmter Gruppen verbessern, sondern gesellschaftliche Verhältnisse grundlegend verändern, sei es in kleinen, bedächtigen und am Ende doch große Folgen zeitigenden Schritten, sei es mit ungestümer und zorniger Geste, sei es mit kühl kalkulierter Gewalt.
Fragt man die Protestierenden, so geht es ihnen in erster Linie darum, die Motive und Gründe ihres Handelns darzulegen, die Verantwortlichen und Schuldigen zu benennen, schließlich die Dinge zum Besseren zu wenden. Im Vordergrund steht das Warum und Wozu. Hier wird jedoch eine andere Perspektive eingenommen. Im Mittelpunkt stehen nicht einzelne und konkrete Inhalte des Protests, sondern das Wie, genauer: die instrumentellen, funktionalen und interaktiven Aspekte des Protests, vor allem (1) seine auf Aufmerksamkeit zielende Inszenierung, (2) seine auf Zustimmung und Empathie gerichteten Techniken des Werbens und Überzeugens, schließlich (3) seine Selbstbezüglichkeit als Vergewisserung kollektiver Identität und Stärke.
Diese soziologische Perspektive betont die triadische Natur von Protest, der neben seiner meist übersehenen Binnenfunktion für die Demonstranten auch und vor allem als Zeugnis oder Botschaft für externe Gruppen konzipiert wird. Dazu zählen zum einen diejenigen, an die sich der Protest als Einspruch und Widerspruch richtet, die als Verursacher, Verantwortliche, Schuldige oder Gegner identifiziert werden. Dazu zählen zum anderen die »Dritten« im Konflikt, also die (noch) Gleichgültigen oder Unentschiedenen, die interessierten Beobachter und Berichterstatter, die möglichen, aber noch nicht gewonnenen Bündnispartner, schließlich neutrale Vermittler, Schlichter oder Schiedsrichter.
Diese triadische Konstellation kann durch ein Arenamodell dargestellt werden (dazu Ferree et al. 2002). Dessen elementare Bestandteile bilden die Protestakteure, deren Gegenspieler, sowie Dritte, insbesondere das Publikum. Hinzu kommt noch die Hinterbühne der Arena, die für das Publikum nicht sichtbar ist. Die Konstellation dreier Hauptakteure strukturiert gleichermaßen überschaubare und kurzlebige Interaktionen (beispielsweise einen Straßenprotest) wie die langwierigen, in mehreren Arenen stattfindenden und viele Subthemen aufweisenden Auseinandersetzungen von sozialen Bewegungen mit ihrer Umwelt.
Sichtbarkeit
In den heutigen modernen Gesellschaften ist Aufmerksamkeit ein äußerst knappes Gut. Dies ist besonders offenkundig für den massenmedialen Betrieb, der aus der schier unendlichen Fülle von Themen, Ereignissen und Meinungen die relativ kleine Menge des ihm berichtenswert Erscheinenden rigoros auswählt und dem Publikum anbietet (Hilgartner/Bosk 1988). Aber auch in den nicht medial vermittelten Sphären des Alltags ist Aufmerksamkeit knapp. Nur weniges kann jeweils beim Essen in der Familie oder beim Treffen im Ortsverein besprochen werden. Nur wenige Passanten nehmen den ihnen entgegengestreckten Werbezettel in die Hand. Und nur wenige halten inne, um einen Zug von Demonstranten eingehend zu betrachten und alle ihrer Botschaften zur Kenntnis zu nehmen. Wer nicht schon qua Prominenz, Prestige oder sonstiger herausragender Merkmale einen Aufmerksamkeitsbonus hat, wird also in einen regelrechten Kampf um Sichtbarkeit eintreten und entsprechende Techniken der Aufmerksamkeitsgewinnung entwickeln müssen. Dies löst wiederum entsprechende Bemühungen der Konkurrenten aus, so daß sich das Spiel auf immer höherer Stufenleiter fortsetzt.
Protestgruppen, sofern sie um öffentliche Aufmerksamkeit als Vorbedingung ihrer weiteren gesellschaftlichen Wirksamkeit ringen, wissen um die Schwierigkeiten, Aufmerksamkeit zu erzielen (Rucht 2004). Bei manchen Gruppen führen vergebliche Bemühungen, öffentliche Aufmerksamkeit zu erringen, zu Resignation und Rückzug. Die übrigen suchen nach Mitteln und Wegen, die Hürden der sie umgebenden Indifferenz zu überwinden. Dabei stehen ihnen im Grundsatz vier grundlegende Ressourcen zur Verfügung: Masse, Radikalität, Kreativität und Prominenz.
Masse dokumentiert, daß das Protestanliegen breiten Rückhalt genießt und somit seine Legitimität zumindest prüfenswert erscheint. Jedenfalls können die Anliegen von Massen, zumal wenn sie sich zu gemeinsamer Aktion zusammenfinden, kaum auf Dauer ignoriert werden, selbst wenn man die Massen für ignorant oder verführt halten mag.
Radikalität, die nur selten mit Massenhaftigkeit vereinbar ist, legt nahe, daß die Protestierenden für ihr Handeln starke Motive haben müssen, setzen sie sich doch dem Risiko der sozialen Isolierung, der politischen Ächtung und der strafrechtlichen Verfolgung aus. Soweit Radikalität auch mit der massiven Schädigung von Sachen und/oder Personen verbunden ist, ist ihr – ebenso wie der Masse – öffentliche Aufmerksamkeit, jedoch kaum Zustimmung sicher. Am deutlichsten offenbart sich dies bei terroristischen Akten.
Kreativität ist eine Ressource, die ihre Wirkung aus der Originalität der Aussage, ihrem Neuigkeitswert oder ihrem Verblüffungseffekt erzielt. Sie kann beim Publikum Erstaunen oder, besonders im Falle subversiver Proteste, auch Irritation und Nachdenklichkeit auslösen. Sie steht selbst kleinen Gruppen offen, erfordert sie doch weder den hohen Aufwand der Breitenmobilisierung, noch birgt sie die Risiken der Radikalität. Aber sie bringt die Gewißheit ihres raschen Verschleißes mit sich. Kreativität verträgt sich nicht mit Wiederholung.
Prominenz schließlich ist eine vierte Ressource, die weder an die Botschaft noch die Art der Aktion gebunden ist, sondern einzelnen Gruppen und vor allem Personen zukommt. Prominenz ist ein Aufmerksamkeitskapital, das vorab erworben und dann im Protest eingesetzt werden kann. Wenn sich renommierte Organisationen, Nobelpreisträger, Filmstars und Popsänger an einem Protest beteiligen – so ist zumindest diesem Akt der Beteiligung – wenngleich nicht notwendig dem Protest als solchem, öffentliche Aufmerksamkeit gewiß. Kleine Demonstrationen von Tierschützern in Brüssel werden erst dann von den Medien registriert, wenn sich Brigitte Bardot beteiligt.
Diese vier Faktoren, die sich in Grenzen auch miteinander verknüpfen lassen und dann einen besonders hohen Nachrichtenwert aufweisen, bilden lediglich einen Rahmen, innerhalb dessen spezifischere Techniken zur Erregung von Aufmerksamkeit zur Anwendung kommen können. Ein Beispiel dafür ist die bloße Andeutung von Protestakteuren, daß dieses Mal mit etwas Besonderem zu rechnen sei. Das kann, sofern es sich bereits um eine bekannte und als seriös geltende Gruppe handelt, die Neugier der Medien anstacheln. Zuweilen genügt schon der Name des Protestakteurs, um das Interesse zu wecken. Ein Beispiel dafür ist Greenpeace. Nachdem die Organisation eine öffentliche Reputation für das garantierte Spektakel erworben hatte, genügte es für eine Weile, den Medienvertretern lediglich Zeit und Ort des nächsten Coups mitzuteilen, um diese in Scharen anzulocken. Damit ist es inzwischen vorbei.
Eine weitere Technik der Aufmerksamkeitserregung besteht darin, das Gegenwartshandeln mit einer weithin bekannten Heroik oder Tragik aus der Vergangenheit zu verbinden. So knüpfen manche Protestgruppen an ein historisches Datum an (den Geburtstag des »Führers«, den Jahrestag der Ermordung eines Demonstranten oder des »Ausbruchs« einer Revolution), um damit das Interesse potentieller Teilnehmer wie auch der Massenmedien zu erregen.
Bei einer dritten Technik der Aufmerksamkeitserzeugung wird ein externes und ohnehin stark beachtetes Ereignis als Rahmen oder Bühne für den Protest benutzt. So störten Feministinnen in den USA das Ritual der Schönheitswettbewerbe oder veranstalteten Globalisierungskritiker »Gegengipfel« anläßlich großer Konferenzen des Internationalen Währungsfonds, der G8 und der WTO (vgl. den Beitrag über die Proteste gegen das Weltwirtschaftsforum, S. 221ff.).
Ein viertes Muster der Aufmerksamkeitserregung beruht auf der Erzeugung »starker« Bilder des Protests. So werden etwa in einer viele Kilometer langen Menschenkette zwei Orte miteinander verknüpft, formen zahlreiche Menschenkörper ein nur aus der Luft erkennbares Peace-Zeichen, wird die Ungleichheit des Kampfes durch die Konstellation von David-gegen-Goliath symbolisiert, werden Untergangsszenarien durch Särge, Sensenmänner, auf fünf Minuten vor zwölf stehende Uhren beschworen oder Autoritäten durch entstellende oder verfremdende Darstellungen ins Lächerliche gezogen.
Eine letzte hier genannte Technik der Aufmerksamkeitserregung besteht in der ostentativ dargestellten Risiko- und Opferbereitschaft der Protestierenden, die stundenlang im Regen ausharren, wochenlang einen Bauplatz besetzt halten, einen kollektiven Hungerstreik durchführen oder mit ihrer Selbsttötung ein letztes und an Dramatik kaum zu überbietendes Zeichen setzen. Das Bild des buddhistischen Mönches Thich Quang Duc, der sich aus Protest gegen den Vietnamkrieg öffentlich verbrannt hat, wird immer wieder von den Medien gezeigt. Warum dagegen Hartmut Gründler, ein Lehrer, der sich 1977 aus Protest gegen die Nutzung der Atomenergie auf den Stufen einer Hamburger Kirche auf gleiche Weise wie der Mönch tötete, der Vergessenheit anheim gefallen ist, wäre einer gesonderten Analyse wert.
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