Und jetzt, Herr Beck?
Ulrich Beck im Gespräch mit Jakob Schrenk
Herr Beck, predigen Sie gerne?
Nein, wie kommen Sie denn darauf?
Bei der Lektüre Ihrer Bücher, das gilt auch für Weltrisikogesellschaft, könnte der Eindruck entstehen, Sie beschwörten mit grellen und dunklen Farben den drohenden Weltuntergang, um dann um so effektiver eine Lösung zu präsentieren.
Nicht ich inszeniere die Weltrisiken, das tun vielmehr die global ausgerichteten Akteure. Ich hecke ja beispielsweise nicht selber ökologische Untergangsszenarien aus. Ich bin kein Klimaexperte und auch kein Journalist. Als Soziologe beschreibe ich vielmehr, wie verschiedene gesellschaftliche Akteure ein Bild von ökologischen Gefahren zeichnen, und ich beschreibe die Wirkungen, die dieses Bild hat. Ich beobachte, wie in der Weltrisikogesellschaft Gefahren inszeniert werden, was natürlich nicht bedeutet, daß es keine Gefahren gäbe. Um es salopp zu sagen: Ich interessiere mich dafür, wie eine Risiko-Religion gestiftet wird und wie die Gläubigen es schaffen, daß immer mehr Menschen zu dieser Religion konvertieren.
Wie erfolgreich ist das Missionieren denn?
Die Umweltbewegung verzeichnet Erfolge, die vor einigen Jahren völlig unvorstellbar gewesen wären. In den achtziger Jahren sind grüne Aktivisten für ihr Engagement noch kriminalisiert worden. Vor einigen Wochen war ich auf einer Konferenz in Paris zum Thema Umweltschutz. Jacques Chirac hielt dort eine Rede, also der Präsident eines Landes, in dem man sich gerne über die paranoiden naturverliebten Deutschen mit ihrem »le Waldsterben« lustig machte. Ich saß dort also neben dem Chef von Greenpeace, der über die Rede von Chirac mindestens so überrascht war wie ich. Irgendwann beugte er sich zu mir und sagte: »Der redet, als ob er bei uns Mitglied wäre. Der redet ja genauso wie ich.«
Hat er sich darüber gefreut?
Vermutlich schon. Und das, obwohl Chiracs Rede sogar noch wesentlich besser war als seine eigene. Chirac hat die viel besseren Redenschreiber und wirkt dabei sogar noch authentisch. Die Umweltbewegung ist auf fast tragische Weise erfolgreich, man könnte sagen, sie hat ihren historischen Auftrag erfüllt und droht, jetzt unnötig zu werden. Ich denke, die Rolle des ökologischen Mahners wird schon bald nicht mehr vom Chef von Greenpeace gespielt werden, sondern von verrenteten Staatsmännern. Al Gore ist so ein globaler Bühnenheld, Bill Clinton ebenfalls, Jacques Chirac probt schon mal, und von Tony Blair werden wir noch viel hören.
Daß sich alte und müde Politiker auf die Umweltpolitik zurückziehen und dort ausspannen wie auf einer Kreuzfahrt, zeigt aber eventuell auch, daß es sich oft nur um grüne Lippenbekenntnisse handelt. In der Gemeinde der Öko-Risiko-Gläubigen gibt es viel Bigotterie. Die Industrie schreibt ein paar fromme Sprüche auf die Verpackungen und verkauft weiterhin dasselbe Gift.
Natürlich gibt es jetzt Politiker und Manager, die ganz typische Konvertitenprobleme haben. Sie müssen eine Sprache sprechen, die sie vielleicht auswendig gelernt haben, deren Sinn sie aber noch nicht so richtig verstehen. Natürlich drehen die ihr Fähnchen nach dem Wind. Aber das zeigt zumindest, daß sich der Wind gedreht hat. In der transnationalen Wirtschaft startet ein Wettlauf um die Märkte für Umwelttechnologie und erneuerbare Energien. Die Industrie will, daß ihnen der Staat einen Rahmen bereitstellt, ihnen Vorgaben und Garantien gibt, die ihnen erlauben, solche Märkte zu konstruieren und aufzuteilen. Das, was sich die »Realos« oder besser: »vorauseilenden Realos« der Grünen schon längst nicht mehr trauen, nämlich nach staatlicher Regulation zu rufen, das machen jetzt die Manager, sie sind die neuen »Fundis«. Der neoliberale Traum von der völligen Regellosigkeit ist ausgeträumt, der Markt alleine wird es nicht richten. Der Zug in Richtung grüner Kapitalismus ist zwar schon abgefahren, aber er nimmt erst langsam Tempo auf, so daß die Industriekapitäne und Politiker noch aufspringen können. Wo er anhalten wird, ob er lange genug fahren wird, ist natürlich noch nicht sicher.
Die Umweltbewegung war ja immer Ihr bevorzugtes Beispiel, um die Möglichkeiten der von Ihnen sogenannten Subpolitik zu illustrieren. Präzisieren Sie doch bitte noch einmal dieses Konzept.
Die Idee der Subpolitik ist, daß die Entscheidungsbereiche, die im Modell des Industriekapitalismus im Windschatten des Politischen liegen, also der Konsum, die Wissenschaft, das Privatleben, jetzt in die Stürme der politischen Auseinandersetzungen geraten. Das verstehen wir immer noch nicht wirklich: Wir suchen das Politische bei den falschen Personen, am falschen Ort, auf den falschen Seiten der Tageszeitungen. Diejenigen, die wir gewählt haben, in den Bundestag oder an die Gewerkschaftsspitze, sitzen machtlos und ratlos auf der Zuschauertribüne, während diejenigen, die wir nicht gewählt haben, Schlüsselentscheidungen treffen, die unser Leben und Überleben bestimmen. Die Politikverdrossenheit hat hier ihre Wurzeln. Dabei wird allerdings übersehen, daß die Politik nicht erstarrt ist, sondern sich auf die Subpolitik konzentriert. Es gibt die alten, erstarrten politischen Figuren und eine Vielzahl an beweglichen neuen subpolitischen Akteuren, zum Beispiel das, was man gerne als Zivilgesellschaft bezeichnet. Der Kern heutiger Politik ist die Fähigkeit zur Selbstorganisation. Das bedeutet nicht neoliberale Ellbogenkonkurrenz, sondern Gesellschaftsgestaltung von unten.
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